Kritik & Lob

Die Begegnung von Erzählung, Licht und Dunkelheit und Zeichnen Mythen und Symbole sind tief im Herzen der Gemeinschaft verwurzelt. Sie können über Jahrhunderte an Kraft gewinnen oder verlieren und leben dennoch weiter – sichtbar und verborgen, abseits des Trubels und doch im Zentrum des Lebens. 

Die Menschheit hat seit der Zeit der Götter- und Mythenverehrung bis heute einen langen, verschlungenen Weg zurückgelegt. Doch das Bedürfnis nach Geschichten, Erzählungen und dem Blick ins Andersartige ist nie in Vergessenheit geraten. Dieses „Andersartige“ beschreibt das Interesse an Themen und Bedeutungen, die über das Alltägliche hinausgehen und unsere Emotionen anregen, Mitgefühl und Anteilnahme hervorrufen. Die Lebendigkeit dieser Konzepte kann je nach historischer Entwicklung, Ereignissen oder Übergangsphasen innerhalb einer Gesellschaft – insbesondere in östlichen und antiken Kulturen – in neuem Glanz erscheinen. Namen und Bedeutungen ändern sich, oft auch ihre Funktionen, doch das Wesentliche bleibt lebendig, manchmal in neuer Form und Gestaltung. Die Transformation kann dabei Mythen und Symbole eines Volkes weiterentwickeln. Neben Elementen wie Wind, Wasser, Sonne und Sternen können auch Menschen und Tiere durch diesen Wandel neue Ausdrucksformen finden und weiterbestehen. Sie tragen zwar ein neues Gewand, doch die grundlegenden Verhaltensweisen und mythischen Merkmale bleiben erhalten, wenn auch in moderner Form. 

Von Beginn der Geschichte an war die Frau eine zentrale Figur, die sowohl im alltäglichen Leben als auch in Mythen und Erzählungen eine wesentliche Rolle spielt. In der Kunstgeschichte hat die Darstellung der Frau (des weiblichen Geschlechts) ebenfalls einen bedeutenden Platz eingenommen, besonders seit die bildende Kunst sich von kirchlichen und gesellschaftlichen Vorgaben befreien konnte. Die Darstellung von Frauen – ihrer Gestalt und ihres Wirkens – sowie die Rolle der weiblichen Künstlerinnen wuchs und fand ihren festen Platz in der Geschichte. Rückblickend auf diesen Weg lässt sich sagen, dass die Kunst von Frauen und das Thema Frau (körperlich und geistig) oft eine neue, gleichwertige Interpretation weiblicher Mythen durch die Geschichte darstellt. 

Die Illustrationen und Zeichnungen von Parisa Kazemi tragen diese beiden Aspekte in sich. Sie erzählt die Geschichten von Frauen und ihren Körpern und erschafft dabei außergewöhnliche Erzählungen, die aus der Norm fallen – fast wie Märchen oder mythische Geschichten, in denen Mond und Sonne, Bäume und Hirsche eine aktive Rolle spielen, und jeder Teil von Magie und Bedeutung durchdrungen ist. Parisa Kazemi erzählt Geschichten, jedoch solche, die aus einer nicht unbedingt erzählerischen Welt stammen: eine Frau, die aus einer Lilie geboren wird; ein Uterus, in dem eine Kreatur ruht; ein Mondlicht, das den Blick über das Zentrum und die Ränder der Illustration schweifen lässt – alle haben etwas zu sagen, eine Erzählung, eine Geschichte. Diese Elemente verraten jedoch nur so viel, dass der Betrachter Harmonie und zugleich Interaktion mit der Oberfläche des Werks erfahren kann. Genau an diesem Punkt beginnt unsere Lektüre als Betrachter, und wir können die Geschichte selbst fortschreiben.

Viele dieser Zeichnungen und Illustrationen tragen eine mittelalterliche, gotische Atmosphäre in sich. Die Bleistiftstriche und feinen Details erinnern an die Illustrationen in alten, säurehaltigen Druckgrafiken und vielfältigen europäischen Lithografien, die in Märchen-, religiösen und Gebetsbüchern zu finden sind. Trotz der traditionellen Technik ist der Blick der Künstlerin auf Weiblichkeit, Geburt und Körper mutig und zutiefst persönlich und verstärkt die geheimnisvolle Erzählung, die in ihren Arbeiten lebendig wird. Diese Werke kündigen das Aufblühen einer talentierten und bewussten Zeichnerin und Malerin an, die genau weiß, was sie in ihrer Vorstellung erschafft und wie sie es ausdrücken kann – in Bildern, die zugleich klar und verborgen, erzählend und still sind.

Farzad Azimbeyk
Winter 2015